Abenteuerreisen entwickeln sich vom „Granola-Crunchy-Ekotourismus“ zum Erlebnismarkt
60 Years of Stories: Von Nischenanfängen zu globaler Wirkung – ATTA-Geschäftsführer Shannon Stowell über die Entwicklung der Abenteuerreisen und warum sie heute wichtig sind.
Die Adventure Travel Trade Association (ATTA) wurde 1990 gegründet, zu einer Zeit, als Abenteuerreisen noch ein Nischenmarkt waren – begrenzt in Umfang, Reichweite und Struktur. In den vergangenen drei Jahrzehnten hat sich dieser Sektor zu einem mainstreamtauglichen, gleichzeitig wertorientierten Teil der globalen Tourismusbranche entwickelt. In diesem Interview blickt ATTA-Geschäftsführer Shannon Stowell auf die wichtigsten Wendepunkte der Branche zurück: von der frühen Professionalisierung und digitalen Transformation bis hin zum heutigen Fokus auf Resilienz, Glaubwürdigkeit und sinnvolle Verbindungen zwischen Menschen und Orten.

Geschäftsführer Shannon Stowell (© ATTA)
1. Blick zurück auf 1990 – das Gründungsjahr der ATTA: Wie sah die Reisewelt damals aus und welche Lücke füllte die ATTA?
Das war noch bevor ich selbst in die Branche eingestiegen bin – ich begann 2002 –, aber Abenteuerreisen befanden sich definitiv noch in den Kinderschuhen. Damals gab es 400 Millionen internationale Reisende im Vergleich zu 1,4 Milliarden heute! Im Abenteuerreisemarkt wurde damals niemandem die Marktgröße gemessen, aber er war sicher klein und überwiegend auf europäische und nordamerikanische Auslandsreisen ausgerichtet. Seitdem sind die Märkte in Lateinamerika, Asien und dem Nahen Osten enorm gewachsen.
Die ATTA erfüllte die wichtige Funktion, diesen Segmenten eine Plattform zu bieten, denn es gab damals keine globale Veranstaltung, die speziell auf ihre Bedürfnisse in Sachen Inhalte und Vernetzung ausgerichtet war. Heute sind wir die weltweit führende Zusammenkunft für Fachleute aus den Bereichen aktive, ökologische und Abenteuerreisen – sowie für alle, die in diesen Markt einsteigen möchten.
2. Rückblick: Was waren die größten Wendepunkte der Abenteuerreisen in den letzten drei Jahrzehnten?
Ein zentraler Wendepunkt war der Übergang von einer leidenschaftlich betriebenen Nische zu einem organisierten und professionalisierten Sektor. In den 1990er- und frühen 2000er-Jahren begann die Branche, Standards für Sicherheit, Ausbildung von Guides und den Austausch von Best Practices zu etablieren – das schuf Vertrauen bei den Kunden und ermöglichte internationales Wachstum. Diese Phase legte das Fundament dafür, dass Abenteuerreisen nicht nur als Reiseart, sondern als eigenständiges Segment der globalen Tourismuswirtschaft anerkannt wurden.
Der nächste Meilenstein kam in den 2010er-Jahren, als Abenteuerreisen in den Mainstream übergingen. Digitale Plattformen veränderten, wie Reisende Erlebnisse entdecken und buchen, und die Forschung zeigte, dass Abenteuer nicht mehr ausschließlich durch körperliche Herausforderungen definiert wird. Kultur, Natur, Wellness und sinnvolle lokale Verbindungen rückten in den Mittelpunkt und erweiterten die Zielgruppe erheblich. Abenteuerreisen wurden zu einer bevorzugten Art zu reisen, nicht mehr nur zu einem Nischeninteresse.
Zuletzt markierte die COVID-19-Pandemie einen Reset-Moment, der bestehende Trends beschleunigte. Die Nachfrage nach naturbasierten, kleinen Gruppen und lokal verankerten Erlebnissen stieg, während die Branche stärker als je zuvor Themen wie Resilienz, Klimaschutz und soziale Verantwortung in den Fokus rückte. Heute befindet sich Abenteuerreisen an einem neuen Wendepunkt: vom reinen Vorsatz hin zur strategischen Umsetzung, vom Storytelling hin zu messbaren Handlungen – und spielt weiterhin eine Vorreiterrolle für einen verantwortungsvolleren, zukunftsfähigen Tourismus.“
„Ich denke, es hat sich wirklich von einer Art ‚Granola-Crunchy-Ecotourismus‘ zu einem riesigen Erlebnis-Markt entwickelt. Außerdem hat sich der Markt von einer stark männlich dominierten Branche zu einem ausgeglichenen Geschlechterverhältnis zwischen Männern und Frauen entwickelt. Kulturtourismus war damals noch kein zentrales Merkmal des Marktes – heute ist er einer der Haupttreiber für Reisende. Ich würde auch sagen, dass die Professionalisierung der Branche inzwischen Realität ist: Es gibt bedeutende Programme in den Bereichen Sicherheit, Risikomanagement, Nachhaltigkeit, Gruppenführung und Interpretation.

Die Adventure Travel Trade Association (ATTA) wurde 1990 gegründet, zu einer Zeit, als Abenteuerreisen noch ein Nischenmarkt waren. (© ATTA)
3. Abenteuerreisen heute: Nur ein Buzzword oder was zählt wirklich?
Abenteuerreisen sind derzeit voller Schlagworte – regenerative, authentisch, sinnstiftend, Slow Travel, wirkungsvoll, resilient. Einige sind wirklich wichtig, andere laufen Gefahr, nur noch Schlagworte ohne Substanz zu sein. Entscheidend ist nicht das Label, sondern, ob die Konzepte tatsächlich verändern, wie Reisen gestaltet, verkauft und umgesetzt werden.
Mir persönlich sind vor allem Resilienz, Glaubwürdigkeit und Intentionalität wichtig. Resilienz bedeutet, dass Unternehmen und Destinationen auf Klimaschocks, Marktschwankungen und Herausforderungen im Arbeitsmarkt vorbereitet sind. Glaubwürdigkeit heißt, Nachhaltigkeits- und Gemeinschaftsansprüche mit Daten, Transparenz und messbaren Ergebnissen zu untermauern. Intentionalität bedeutet, Werte wie Klimaschutz, Gerechtigkeit und Naturschutz nicht als Zusatz, sondern als Kernstrategie zu verankern.
Auch die Zugänglichkeit ist heute wichtiger denn je. Viele Erlebnisse sind leichter zugänglich geworden: E-Bikes machen zum Beispiel Radtouren für Menschen möglich, die früher nie eine mehrtägige Tour in Betracht gezogen hätten.
4. Was bedeutet „Abenteuer“ heute im Vergleich zu 1990?
Am einfachsten gesagt: Es ist von etwas Unzugänglichem und Extremem hin zu einer Mischung aus Natur, Kultur und Aktivitäten gegangen. 67 % aller internationalen Reisenden geben heute an, ‚offen für Abenteuer‘ zu sein. Bei manchen Reisen spielt der Abenteueranteil nur eine kleine Rolle, bei anderen ist er zentral.

Vom Risiko zur Verantwortung: Die Entwicklung der Abenteuerreisen © Unsplash/ Filip Mroz
5. Wohin steuern Abenteuerreisen in den nächsten 5–10 Jahren?
In den kommenden 5–10 Jahren entwickelt sich Abenteuerreisen zu einem stärker intentionalen, integrierten und datengetriebenen Wachstumssegment. Die Nachfrage wird weiterhin auf Natur, Kultur und Wohlbefinden ausgerichtet sein, aber Reisende erwarten zunehmend, dass diese Erlebnisse klaren Nutzen für lokale Gemeinschaften, Ökosysteme und Destinationen haben. Abenteuer wird weniger durch die Extreme einer Aktivität definiert, sondern durch die Bedeutung der Verbindung zwischen Mensch und Ort.
Zugleich wird sich die Branche weiter professionalisieren – Resilienz und Verantwortung werden zu Kernaufgaben. Klimaanpassung, Risikomanagement, Personalentwicklung und Destinationspflege werden von optionalen Initiativen zu festen Geschäftsprozessen. Betreiber, die Wirkung messen, glaubwürdige Geschichten mit Daten erzählen und über Lieferketten hinweg zusammenarbeiten, sind besser aufgestellt, um Volatilität zu meistern – sei es wirtschaftlich, ökologisch oder geopolitisch.
Abenteuerreisen werden auch eine Schlüsselrolle dabei spielen, die Zukunft des Tourismus insgesamt zu prägen. Während Massentourismus mit Überlastung, Klimadruck und veränderten Reisewerten kämpft, bleiben Abenteuerreisen ein Testfeld für langsames Reisen, regionale Verteilung, regenerative Modelle und erlebnisorientiertes Wachstum. In diesem Sinne geht es in den nächsten zehn Jahren nicht nur darum, wohin Abenteuerreisen gehen, sondern wie die heute entwickelten Prinzipien den gesamten Tourismus verändern könnten.“
6. Welchen Rat haben Sie für junge Professionals im Abenteuerreisebereich?
Macht es! Abenteuerreisen sind eine wunderbare Möglichkeit, die Welt positiv zu beeinflussen und gleichzeitig unvergessliche Erfahrungen zu sammeln. Mein Tipp: Arbeitet zunächst für ein etabliertes Unternehmen, um alles zu lernen. Oft sind die Firmen kleiner, sodass man ein breites Spektrum an Erfahrungen sammelt, das für eine spannende und erfüllende Karriere bestens vorbereitet.
60 Jahre ITB Berlin – 60 Jahre globale Reisegeschichten: Seit 1966 gestaltet die ITB Berlin mit Neugier, Leidenschaft und der Überzeugung, dass Tourismus Brücken baut, die Welt des Reisens mit. Die ITB Berlin wirft einen Blick auf prägende Momente – von ihren ersten Schritten über die Einführung des Euro bis hin zu bahnbrechenden Plattform-Revolutionen. Hier finden Sie weitere Informationen zum 60-jährigen Jubiläum.
Entdecken Sie auf ITB 360° inspirierende Jubiläumsgeschichten, brandneue Branchen-News und fundiertes Expertenwissen – kompakt aufbereitet in Interviews, Artikeln und Podcasts zu den wichtigsten Themen der Reise- und Tourismusbranche.