Female Leadership im Tourismus: Wie Gründen Frauen neue Spielräume eröffnet
Frauen prägen den Tourismus auf vielen Ebenen, sind in Führungspositionen, Gründungsteams und Finanzierungsstrukturen aber weiter unterrepräsentiert. Prof. Dr. Claudia Brözel über Chancen und Hürden.
Der ITB-Themenmonat Mai richtet den Blick auf Frauen im Tourismus: Warum Unternehmertum für Frauen eine Möglichkeit sein kann, strukturelle Karrierebarrieren zu umgehen, welche Hürden Gründerinnen begegnen und warum Netzwerke im Tourismus besonders wichtig sind, erklärt Prof. Dr. Claudia Brözel von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde im Interview. Sie forscht zu Gender Equality, Frauen und Karrierechancen in der Tourismuswirtschaft sowie sozialem Unternehmertum im Tourismus.

Claudia Brözel im Rahmen der ITB Berlin, wo sie regelmäßig zum Thema Social Entrepreneurship spricht. © ITB Berlin
1. Kann Unternehmertum im Tourismus auch eine Antwort auf strukturelle Karrierebarrieren sein?
Ja. Der Tourismus ist eine Branche, in der Selbstständigkeit oft ohne sehr hohe Einstiegshürden möglich ist. Netzwerkwissen, lokale Verankerung und kulturelles Kapital zählen hier häufig mehr als formale Hierarchien.
Für Frauen kann Gründen deshalb eine alternative Route sein, wenn Karrierewege im Angestelltenverhältnis durch gläserne Decken, fehlende Sichtbarkeit oder informelle Männernetzwerke erschwert werden. Zugleich kann weibliches Unternehmertum erheblich zur sozioökonomischen Entwicklung beitragen, insbesondere im Globalen Süden, wo es häufig eine zentrale Einkommensquelle für Haushalte darstellt und lokale Armut sowie Ungleichheit reduzieren kann.
2. Kann Gründen im Tourismus für Frauen mehr berufliche Selbstbestimmung ermöglichen?
Ja, aber nicht automatisch. Empowerment durch Gründung hängt vom Mindset und von den Rahmenbedingungen ab. Mehr berufliche Selbstbestimmung entsteht dort, wo Frauen eigene Regeln setzen können: etwa bei Arbeitszeiten, Unternehmenswerten, Community-Einbindung oder wertegeleiteter Führung.
Viele Gründerinnen im Tourismus verfolgen dabei nicht nur klassische Wachstumsziele. Häufig geht es auch um Einkommenssicherung, Lebensqualität und darum, soziale oder ökologische Herausforderungen unternehmerisch anzugehen.
3. Beobachten Sie aktuell mehr Frauen, die den Schritt in die Selbstständigkeit wagen? Wenn ja, warum gerade jetzt?
Das Bild ist ambivalent. Laut KfW-Gründungsmonitor 2025 lag der Anteil von Frauen an Unternehmensgründungen in Deutschland 2024 bei 36 Prozent, nach 44 Prozent im Vorjahr. Im langjährigen Durchschnitt liegt der Anteil bei rund 39 Prozent. Im Start-up-Ökosystem sank der Gründerinnenanteil 2024 auf 18,8 Prozent.
Gleichzeitig wächst weibliches Social Entrepreneurship. Der Deutsche Social Entrepreneurship Monitor 2024 zeigt, dass rund 80,9 Prozent der Sozialunternehmen Frauen im Gründungsteam haben. Gerade im Tourismus, wo Wertewandel und Nachhaltigkeit wichtiger werden, entstehen damit neue Chancen für Gründerinnen, die Purpose und Profession verbinden wollen.
4. Unterscheiden sich die Motive von Gründerinnen im Tourismus von klassischen wachstumsorientierten Start-up-Narrativen?
Ja, fundamental. Das klassische Start-up-Narrativ von Skalierung, Disruption und Exit entspricht häufig nicht den Motiven von Gründerinnen im Tourismus. Gerade im Social Entrepreneurship zeigt sich, wie wichtig es ist, Wirkung mit finanzieller Nachhaltigkeit zu verbinden.
Touristische Social Entrepreneurs schaffen Wert nicht nur über Einkommen, sondern auch über Community Empowerment, nachhaltige Lebensgrundlagen, Armutsbekämpfung, gesunde Gemeinschaften und kulturelles Erbe. Das ist kein Defizit, sondern ein anderes Modell von Erfolg.
5. Welche strukturellen Hürden begegnen Frauen beim Gründen und welche sind branchenspezifisch für den Tourismus?
Eine zentrale Hürde bleibt der Zugang zu Finanzierung. Laut Female Founders Monitor 2025 fließen weiterhin 91 Prozent aller Finanzmittel an rein männliche Gründerteams. Frauen gelangen im Gründungsprozess zudem schwieriger an Fremdkapital und Fördermittel.
Im Tourismus kommen branchenspezifische Hürden hinzu. Die Branche gilt oft als „weiblich“ in der Ausführung, aber „männlich“ in der Führung. Saisonalität und kapitalintensive Anforderungen, etwa bei Infrastruktur, Lizenzen oder Standorten, erschweren Einstiege zusätzlich. Wer nicht auf Familienkapital oder etablierte Branchennetzwerke zurückgreifen kann, startet mit strukturellem Nachteil.
6. Welche Rahmenbedingungen brauchen Frauen im Tourismus, damit Gründen eine realistische Option wird?
Entscheidend sind Finanzierung, Sichtbarkeit und strukturelle Entlastung. Es braucht tourismusspezifische Förderprogramme mit niedrigschwelligem Zugang, Mikrokredite für Social-Impact-Modelle und Bewertungskriterien, die nicht nur Wachstum, sondern auch Wirkung berücksichtigen.
Ebenso wichtig sind Role Models. Plattformen wie die ITB Berlin können zeigen, dass Gründung im Tourismus möglich ist. Hinzu kommen flexible Inkubator-Formate, Kinderbetreuung und Mentoringprogramme, die Vereinbarkeit mitdenken.
7. Warum sind Mentoring und Netzwerke gerade für Gründerinnen im Tourismus so entscheidend?
Weil Märkte im Tourismus stark von Vertrauen, Reputation und Beziehungen abhängen. Genau diese Ressourcen sind historisch ungleich verteilt. Mentoring kann deshalb Wissen vermitteln und zugleich Türen öffnen, die Gründerinnen ohne entsprechende Netzwerke schwerer erreichen.
Die Social Entrepreneurship Competition in Tourism verbindet Finalistinnen und Finalisten aus über 60 Ländern in einem internationalen Netzwerk. Das Programm bietet Einzel- und Peer-Mentoring und stärkt Kompetenzen in Bereichen wie Pitching, Human-Centered Design, Business Modelling und Impact Measurement.
8. Was fehlt noch, damit aus Plattformen wie dem ITB Talent Hub tatsächlich mehr Gründerinnen hervorgehen?
Es braucht vor allem den Schritt von Inspiration zu konkreter Umsetzung. Viele Talentplattformen erzeugen Begeisterung, aber nicht immer einen klaren nächsten Schritt. Entscheidend wären konkrete Finanzierungsangebote, Gründungsbegleitung und Follow-up direkt nach dem Event.
Kurzformate allein reichen nicht aus. Wichtig sind längere Begleitprogramme, die Gründerinnen über den ersten Impuls hinaus begleiten. Ebenso braucht es Diversität in Jurys und Mentoring-Netzwerken. Genau hier können Plattformen wie der Talent Hub der ITB Berlin ansetzen: als Ort, an dem aus Inspiration konkrete nächste Schritte entstehen können.
Genau hier setzt der ITB Talent Hub an: Er schlägt die Brücke von Inspiration zu Umsetzung und bringt Studierende, Berufseinsteiger und motivierte Nachwuchskräfte mit Hochschulen, Universitäten und Unternehmen der Branche zusammen. Die Lighthouse Stage bietet ein inspirierendes Programm rund um Karriere, Innovation und Bildung.
Hören Sie, was andere zu sagen haben: Im Travel Hero Podcast erscheinen regelmäßig neue Folgen mit inspirierenden Köpfen der Tourismusbranche. Jetzt die neueste Folge hören!